13 Juni 2007

Von Schneidern, Koenigsgrabern und Minenfeldern

Ich hatte ja im letzten Artikel versprochen, diesmal was ueber Hoi An zu erzaehlen. Nur irgendwie gibt es ueber Hoi An im Prinzip nicht allzuviel zu erzaehlen. Denn echte Sehenswuerdigkeiten gibt es dort nicht, dafuer ist die Stadt (eher das Staedtchen) an sich definitiv sehenswert. Wem es gelingt, die tausenden und aber-tausenden Klamottenlaeden auszublenden, die durch endloses Rufen und Werben auf sich aufmerksam machen, der findet in Hoi An einen liebreizenden, kleinen Ort mit vielen alten, kleinen Haeusern, die die etwas weniger liebreizenden (weil wie in Vietnam ueblich zumeist ohne Trottoir), dafuer umso kleineren Straesschen saeumen. Nett zum rumschlendern, noch netter zum fotografieren, und sofern Bedarf besteht am allernettesten um sich Klamotten nach Mass und aus selbst ausgewaehlten Stoffen schneidern zu lassen. Nur eben nicht viel, wovon man danach erzaehlen kann...

Ich bin auch nur eine Nacht dort geblieben, am naechsten Tag mit dem oertlichen Bus zurueck nach Danang gefahren, um dort einen Zug nach Hue zu nehmen. Hue hat im Gegensatz zu Hoi An einiges an Sehenswertem zu bieten, dieser Vorteil geht dafuer mit einem erheblichen Mangel an Flair einher - man kann nicht alles haben... Trotzdem bin ich insgesamt zweieinhalb Tage dort geblieben, woebi ich nach meiner Ankunft eigentlich nicht mehr viel gemacht hab, ausser mich im Internet mal wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Am naechsten Tag war dann die Zitadelle Hues dran, ein zu seiner Zeit Ende des 17. Jahrhunderts bestimmt sehr maechtiges Bauwerk, von dem heute dank der erbitterten Kaempfe um die Stadt waehrend des Vietnamkriegs nicht mehr viel uebrig ist - was noch steht ist aber dafuer seit 1993 UNESCO Weltkulturerbe. Und das zu Recht! Am zweiten Tag hab ich mir dann mal wieder ein Radl gemietet, und bin ins Umland von Hue gefahren, wo sich die Graeber, besser gesagt Grabanlagen, der Koenige der Nguyen-Dynastie befinden, die in Hue von 1802-1945 herrschten. Schoene Tour, vertretbare Strecke mit vereinzelten, kleineren Anstiegen, und definitiv den Ausflug wert. Auch wenn die erste Grabstaette, zu der ich gefahren bin, "sehr gut" besucht war, was mir persoenlich die Zeit dort ein wenig vergaellt hat. Busladungen voller Touristen, diesmal keine Koreaner, sondern Vietnamesen. Hinsichtlich der produzierten Lautstaerke nimmt sich das aber nix. Naja, die Gruft von Tu Duc ist trotz alledem definitiv sehenswert. Interessant fand ich, dass der Koenig und seine Frauen dort auch zu Lebzeiten oefter mal zu Gast waren, auf der Suche nach Ruhe und Erholung. So gibt es dort einen kleinen See, auf dem der Koenig Boot fahren konnte, eine noch kleinere Insel, auf der er Tiere jagen konnte (die dort extra zu diesem Zweck ausgesetzt worden waren), einen kleinen Pavillion am Seeufer, auf dem er mit seinen Frauen und Konkubinen Gedichte rezitieren konnte, ein kleines Theater und und und... Die eigentlichen Graeber (dort sind auch seine letzte Frau und ein adoptierter Sohn bestattet) sind dafuer recht klein und unscheinbar am Rand des Gelaendes angesiedelt. Und das Beste: Tu Duc selbst ist dort gar nicht begraben! Sein Grab ist leer, weil er sich dort aus Angst vor Grabraeubern und -schaendern nicht hat begraben lassen wollen. Wo sein Leichnam stattdessen bestattet wurde, ist bis heute unklar, weil alle Personen, die an seiner Beerdigung teilgenommen hatten, unmittelbar danach sicherheitshalber umgebracht wurden.

Im Vergleich zur Grabstaette Tu Ducs war dann an der Gruft von Dong Khanh erheblich weniger los - naemlich gar nix: Geschlossen... Na super! Die dritte, die ich mir anschauen wollte, hab ich dann leider nicht gefunden (gepriesen seien an dieser Stelle wiedermal die Lonely-Planet-"Karten"!), dafuer bin ich so ein bisschen durch die wirklich nette Landschaft geradelt, hab zahlreiche Reisfelder und kleine Doerfer passiert, bis ich schliesslich (mehr oder weniger zufaellig) wieder auf der Strasse gelandet bin, die zurueck nach Hue fuehrte. Ja, man koennte sagen, ich hatte mich verfahren. Aber zum Glueck war ich rechtzeitig wieder zurueck, um meinen Zug nach Dong Ha zu erwischen.

Dong Ha ist ein kleiner Ort nahe der beruehmten DMZ (demilitarized zone, entmilitarisierte Zone) entlang des 17. Breitengrades, die von 1954 bis 1975 Nord- und Suedvietnam voneinander trennte. Und die DMZ war auch der Grund warum ich dort hingefahren bin. Es gibt auch die Moeglichkeit, Tagestouren von Hue aus zu machen, aber irgendwie gefiel mir der Gedanke nicht, einen Grossteil dieser Tour im Bus von Hue nach Dong Ha und zurueck zu verbringen, zumal die Rueckfahrt auch insofern etwas hirnrissig waere, da ich ohnehin weiter in Richtung Norden reisen wollte. Nicht zuletzt aufgrund eines Tipps im Lonely Planet, dass es in Dong Ha ein paar suedvietnamesische Veteranen gibt, die Touren in die DMZ anbieten, und auch ein kleines Guesthouse (das "DMZ-Cafe") fuehren, hab ich mich fuer diese Variante entschieden.

Ich war der einzige Gast, was mir schon am Abend meiner Ankunft, also dem Vorabend der Tour, eine sehr persoenliche Betreuung hat zukommen lassen. War aber sehr nett, vor allem weil ich so schon meinen Guide fuer den naechsten Tag kennenlernen konnte. Die Tour war dann auch wirklich ein Highlight, das ich nur weiterempfehlen kann. Generell ist ein Tourguide unabdingbar, weil viele der "Sehenswuerdigkeiten" so ohne weiteres gar nicht als solche erkennbar sind - meist nur Wiesen oder Lichtungen, vereinzelt mal eine Bunkeranlage, ein paar Bombenkrater oder aenhliches. Umso interessanter war es dann natuerlich, auch die Geschichten zu den Orten zu hoeren, und zwar aus dem Mund von jemandem, der dabei war. Mein Guide war als Uebersetzer fuer die Amerikaner taetig, und sowohl auf der Con Thien Firebase als auch auf der Doc Mieu Base stationiert, die wir beide besucht haben. Ausserdem waren wir noch auf einem Friedhof fuer nordvietnamesische Soldaten (Truong Son), und an der Stelle, an der frueher mal eine Bruecke stand, die eine Zubringerstrasse zum Ho-Chi-Minh-Trail ueber den Fluss Ben Hai gefuehrt hat, und von den Amerikanern zerstoert wurde. Da der Fluss damals wohl recht dicht bewachsen war, und nicht 100%-ig klar war, wo genau die Bruecke war, haben die Amerikaner kurzerhand den gesamten Flusslauf bombardiert, mit dem Ergebnis, dass das Flussbett jetzt mehr oder weniger aus Bombenkratern besteht und dreimal so breit ist, wie urspruenglich. So richtig wohl gefuelt hab ich mich speziell auf dem Gebiet der beiden ehemaligen amerikanisch-suedvietnamesischen Militaerbasen nicht, da diese nach Uebernahme durch die nordvietnamesischen Armee stark vermint worden waren. Trotz intensiver Anstrengungen kann bis heute niemand garantieren, dass die beiden Areale minenfrei sind. Problematisch ist dies vor allem, weil sich dort heute erstens Gummibaum-Plantagen befinden, und zweitens viele Vietnamesen sich durch den Verkauf von Metallschrott ein kleines Zubrot verdienen - Metall aus den dort zahlreich rumliegenden Bomben und Granaten. So kommt es immer wieder zu toedlichen Unfaellen. An einer Stelle steckten ein paar Raeucherstaebchen in der Erde - dort war erst vor wenigen Wochen ein Plantagenarbeiter von einer Mine getoetet worden. Kein gutes Gefuehl, dort rumzulaufen...!

Keine Kommentare: