Angkor inside
Was erwartet den Besucher in Angkor? Die Antwort darauf ist natuerlich in unendlich vielen Reisefuehrern, Kunstfuehrern, und Reiseberichten zu finden. Aber entspricht das dort wiedergegebene Bild wirklich der Realitaet? Sind die beeindruckenden Tempelanlagen, die einzigartigen Sehenswuerdigkeiten und die unvergleichbare Stimmung wirklich alles, was den Besucher erwartet?
Von meiner Seite aus ein ganz klares Nein!
Die Tempel von Angkor (und natuerlich die anderen, in der naeheren und weiteren Umgebung verteilten Anlagen) sind mit die Hauptgruende, wenn nicht ueberhaupt der einzige Grund, warum Kambodscha nach dem Ende des Terrors durch die Khmer Rouge in den neunziger Jahren wieder auf der Landkarte des internationalen Tourismus aufgetaucht ist, als es also wieder halbwegs sicher war, das Land zu betreten. Seitdem hat sich hier vieles getan. Mit "hier" meine ich in diesem Zusamenhang allerdings nicht Kambodscha (das ist wieder ein anderes Thema, gepraegt von den Stichworten "auslaendische Hilfs-Gelder", "regionale Disparitaeten" und "Korruption" und deren bisweilen anstoessigen Zusammenhaengen), sondern zunaechst mal nur Siem Reap, das durch seine Lage etwa 15 Kilometer suedlich von Angkor Wat (und damit dem "Epizentrum" des Interesses der meisten Touristen) als Tor nach Angkor fungiert. Da aber anfangs verstaendlicherweise keinerlei Infrastruktur vorhanden war, um die Gaeste zu beherbergen und zu bewirten (es war generell keine Infrastruktur vorhanden!), wurde diese binnen kuerzester Zeit, groesstenteils ungeplant und unkoordiniert und mit auslaendischen Geldmitteln aus dem Boden gestampft. Parallel zur Riege der grossen und teuren Hotels (allerdings keine westlichen Ketten a la Hilton, Sheraton oder Club Med!) ist aber auch eine Vielzahl kleiner Hotels und Guesthouses unter kambodschanischer Regie und Leitung entstanden.
Jetzt koennte man sagen: Super, der Tourismus fungiert als Wachstumsmotor fuer die Region und generiert Beschaeftigung und Einkommen in der Region. Ein Stueck weit stimmt das auch. Aber eben nur ein Stueck weit. Der Teil der Bevoelkerung, der kein Stueck vom grossen, profitablen Kuchen namens "internationaler Tourismus" abbekommen hat, beispielsweise, weil er kaum genug Geld hat, um die eigene Familie zu ernaehren, geschweigedenn ein Hotel zu bauen und zu fuehren, hat nach wie vor das Nachsehen. Bestimmt ist es einem Teil gelungen, wenigstens Jobs in den touristischen Einrichtungen zu bekommen (bspw. als Personal in Hotels oder der Gastronomie, am Bau oder als Fuehrer oder Restaurator in Angkor), allerdings ist diese Moeglichkeit verstaendlicherweise auch wieder beschraenkt auf den Teil der Bevoelkerung, der sowohl ueber die noetige Bildung verfuegt (speziell bei den letztgenannten Beschaeftigungsfeldern), als auch die passenden auesseren Bedingungen vorfindet - denn eine Familie laesst sich mit dem Geld aus den meisten dieser Jobs sicherlich nicht versorgen. Der Grossteil der Bevoelkerung verfuegt zudem noch ueber landwirtschaftliche Nutzflaechen oder Nutzvieh, die betreut werden muessen, was einen Vollzeitjob unmoeglich macht.
Wie aber koennen diese Menschen trotzdem von den Touristen profitieren? Wenn ich mir die Verteilung der "Beschaeftigten" hier so anschaue (rein subjektiv "anschaue" im wahrsten Sinne des Wortes, konkrete Zahlen liegen mir natuerlich nicht vor!), dann liegen zwei Antworten ganz klar auf der Hand: Fahren oder betteln.
Es ist so gut wie unmoeglich, durch Siem Reap (oder auch auf dem Gelaende von Angkor) zu laufen, ohne alle paar Meter ein motodop oder ein tuk-tuk angeboten zu bekommen. Motodops sind einfach nur Motorroller, auf denen man mitfahren kann (Touristen jeweils nur einzeln, waehrend die Khmers schon mal 4-5 Leute auf einen Roller packen), tuk-tuks sind hier Motorroller mit einem kleinen selbstgebauten Anhaenger, auf dessen ueberdachten Sitzbaenken 2-4 Personen sitzen koennen. Waehrend erstere recht guenstig sind (bspw. etwa 7-10 US-Dollar fuer einen ganzen Tag), haben letztere den enormen Vorteil, dass sie wenigstens fuer die Dauer der Fahrt Schutz vor den unerbittlichen Elementen (Regen, Sonne) bieten, dafuer aber so um die 10-15 Dollar am Tag kosten. Das kann sich aber natuerlich rechnen, wenn man beispielsweise du zweit oder zu dritt reist - vier Personen muessen sich (soweit ich das sehen konnte) schon ganz schoen zusammenquetschen, was auf laengeren Strecken (teilweise bis zu 50km!) bestimmt nicht sehr angenehm ist. Ich sprech da ja ein bisschen aus Erfahrung von meiner Anreise... Rein der Vollstaendigkeit halber sei hier noch ganz kurz eine dritte Moeglichkeit des Transports zu und zwischen den Tempeln erwaehnt: Das gute alte Fahrrad. Ist bei vielen Guesthouses zu mieten und kostet dann zwischen 1 und 2 Dollar pro Tag. Nun aber wieder zurueck zum eigentlichen Thema! Die Fahrer sind zwar auf die Dauer ein bisschen nervig, aber keineswegs laestig und auch nicht wirklich aufdringlich.
Ganz anders verhaelt es sich da schon mit den Bettlern. Allerdings ist das ein ganz schwieriges Thema, und eine Sache, die mich hier sehr beschaeftigt. Ich schaetze mal 99% sind Kinder, 98% wollen dir etwas verkaufen, und fuer garantiert 100% von ihnen ist das die einzige Moeglichkeit, ein bisschen Geld zu machen, damit ihre Familie ueberhaupt von etwas leben kann. Wenn ich hier schreibe, dass sie etwas verkaufen wollen, dann handelt es sich in der Regel um Postkarten oder Buecher, entweder ueber Angkor oder Reisefuehrer. Heute vormittag war ich bei ein paar etwas abgelegeneren Tempeln (Roluos-Gruppe), dort wollten mir die Kinder staendig Orchideen-Blueten verkaufen.
Wo aber liegt nun das Problem? Nun, zunaechst ist es mal die schiere Menge, die den unbedarften Besucher (mich!) total ueberfordert. Aehnlich wie bei den oben angesprochenen Fahreren vergeht keine halbe Minute, in der kein Kind zu einem kommt. Das fuehrt auf die Dauer unweigerlich dazu, dass es beginnt, einem auf die Nerven zu gehen. Ausserdem bringt es einen natuerlich in die bloede Situation, dass man schwerlich einem Kind etwas abkaufen kann, waehrend man die anderen stehen laesst. Das ist schon bei der Auswahl des Restaurants (a.k.a. "food stall") schwierig - die liegen naemlich bei den grossen Sehenswuerdigkeiten meist in 10er-Gruppen (oder mehr) unmittelbar nebeneinander, und beherbergen eine Schar geschaeftstuechtiger Ladies, die mit lauten Willkommensgruessen um deine Aufmerksamkeit buhlend auf dich zu rennen, sobald du dich der jeweiligen Fressmeile mehr als 200 Meter annaeherst. Und da hab ich mir schon so manches virtuelles blaues Auge geholt, als ich mich letztenendes natuerlich immer fuer eine und gegen alle anderen entscheiden musste - wenn Blicke toeten koennten... Egal, wieder zurueck zum Thema! Das dritte Problem mit den bettelnden Kindern ist, und das ist eine der Sachen, die das Thema in meinen Augen so schwierig machen, dass auch sie versuchen, dich zu verarschen. Ich hab zum Beispiel mal ein Gespraech mitbekommen, als ein Kind einer Touristin ein Buch fuer einen Dollar verkaufen wollte. Ich weiss nicht, ob sie ernsthaft interessiert war, oder ob sie nur versucht hat, ihn letztlich auf diese Weise loszuwerden, aber sie hat sich erstmal interessiert gezeigt und sich das Buch angeschaut. Kaufen wollte sie es dann aber letztlich nicht, und hat es dem Kind mit dieser Information zurueckgegeben. Der bestand nun aber auf seinem Dollar, der werde schliesslich fuer's Anschauen faellig! Sowohl mir als auch der Touristin blieb ob dieser dreisten Idee erstmal der Mund offen stehen. Allerdings war mir nun endlich klar, wieso die Kinder Reisefuehrer (bspw. Lonely Planet) und Kunstfuehrer (bspw. von National Geographic) fuer einen Dollar verkaufen koennen - ich hatte eher mit Fakes gerechnet. Die hab ich inzwischen schon mehrfach gesehen, auch in Thailand. Von aussen sehen diese Imitate taeuschend echt aus, und auch inhaltlich sind sie identisch mit dem Original. Das liegt daran, dass es schlicht und einfach Kopien sind! Da stellt sich dann jemand mit einem Original an einen Kopierer, kopiert Seite fuer Seite, bindet das professionell, packt einen hochwertig und echt aussehenden Einband drum und fertig! Klingt extrem aufwaendig, scheint sich aber zu rechnen - klar bei den suedostasiatischen "Personalkosten"... Speziell im Fall der Lonely Planet-Reisefuehrer ist das aber etwas problematisch, da die Landkarten praktisch unleserlich sind. Egal, zurueck zum Thema! Nicht zuletzt ist es auch deshalb schwer, die bettelnden Kinder nach einer gewissen Zeit regelrecht als Stoerfaktor zu empfinden, weil sie extrem hartnaeckig und bisweilen richtig aufdringlich sind, einem minutenlang hinterherlaufen, am Arm packen, sich einem in den Weg stellen und so weiter.
Wie oben schon einmal angesprochen, ich finde dieses Thema extrem schwierig, und mache mir hier (zugegebenermassen auch notgedrungen!) viele Gedanken darueber. Denn wie geschildert sind die Kinder einerseits eine regelrechte Plage, auf der anderen Seite sind sie aber in der Tat bettelarm (ich finde den englischen Begriff "dirt-poor" aufgrund seiner Metaphorik absolut zutreffend) und von den Gaben der Touristen (mir!) abhaengig. So ist es jedes Mal eine innere Zerreissprobe, nichts zu geben beziehungsweise zu kaufen. Anfangs hat bei mir (verstaendlicherweise?) das Mitleid ueberwogen, aber erstens tritt irgendwann die besagte Uebersaettigung ein, und zweitens gelangt man irgendwann zu der Klarheit, dass man die Kinder schneller wieder los wird, wenn man sich nicht hinreissen laesst, ihnen freundlich "No, thank you." zu sagen. In meinen Augen ist es zwar das Mindeste das sie verdient haben, naemlich wahrgenommen zu werden, fuehrt aber leider dazu, dass man sie ueberhaupt nicht mehr los wird. Und so bin auch ich inzwischen dazu uebergegangen, sie weitestgehend zu ignorieren, rufe ihnen aber jedes Mal ein gedachtes "Hey, tut mir leid!" nach... Das klingt jetzt vielleicht hart und unmenschlich, und so fuehle ich mich dabei auch, aber es ist wirklich der einzige Weg, hier nicht wahnsinnig zu werden... Schlimm!
Puh, schwieriges Kapitel! Wahrscheinlich werden mich und mein Handeln die wenigsten Leute verstehen, die das lesen, aber die, die so etwas schon einmal selbst erlebt haben, geben mir moeglicherweise recht. Hier unter den Touristen in Siem Reap (mit denen ich ueber das Thema gesprochen hab) ist es jedenfalls der Konsens, was meinem Gewissen ein bisschen Ruhe zugesteht - auch wenn es die moeglicherweise nicht verdient hat.
Nach so viel "schweeerer Kost" (V. Klitschko) hier noch ein kleines Quiz fuer Angkor-Besucher. Es geht darum, zu verstehen, was einem die Person verkaufen will, die einem die folgenden, hier in den Zeichen des phonetischen Alphabets wiedergegebenen, Saetze beziehungsweise Laute entgegenrufen. Mal sehen, wer zuerst alle Ausrufe dekodieren kann, bekommt moeglicherweise einen kleinen Preis. Auf jeden Fall werde ich spaeter noch eine Aufloseung nachliefern, die Angkor-Besuchern in Zukunft ausgedruckt und in der Hosentasche mitgefuehrt das Leben leichter machen koennte. Ich bin oftmals nicht auf Anhieb drauf gekommen, was mir da im einzelnen angeboten wurde...
1. hɛlloˈsœː!
2. samsiniiːtˈsœː?
3. wonnbai cõlˈdriŋsœː?
4. wonnbai ˈpaiːnɛppøsœː?
5. wonnbai ˈkokonaːsœː?
6. wʌnnˈdʌːlʌ!
7. naiˈfuːdsœː?
8. ˈgaibukːmistʌː?
9. ˈlʊkatmaiˈpoːskʌː?
10. ˈpliː?
Manche sind etwas einfacher, manche etwas schwieriger. Viel Erfolg!
2 Kommentare:
Der erste Versuch. Vielleicht motiviert's andere zu besseren Ergebnissen. :-)
Besonders das zweite Beispiel hat mir meine Motivation geraubt... Ich habe dort keinen Schimmer.
1. hello sir!
2. ???
3. want to buy cold drink, sir?
4. want to buy pineapple, sir?
5. want to buy coconut, sir?
6. (I) want a dollar!
7. nai food sir? (nai = new? Auch wenn das inhaltlich nicht viel Sinn macht… )
8. book mister? (gai vorneweg vielleicht für deine Thai-LonelyPlanet-Kopie… )
9. look at me (poska ist mir ebenfalls unerklärlich… )
10. please?
LG J.
Gar nicht mal schlecht! 1, 3-5 und 10 sind korrekt! 7, 8 und 9 sind nah dran, aber noch nicht ganz vollstaendig. Tja, und dann waeren da noch 2 und 6...
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