14 Mai 2007

Phnom Penh

Ich denke mal es ist nicht anmassend, wenn ich behaupte im Laufe meiner Reise schon so einiges gesehen und (mit-)erlebt zu haben. Aber sowas wie Phnom Penh war bisher nicht dabei, und ich muss gestehen, dass mich die kambodschanische Kapitale bisweilen ein wenig ueberfordert.

Es geht schonmal damit los, dass hier so unfassbar viele Menschen rumlaufen, rumsitzen, einfach da sind. OK, mit 1,2 Millionen zaehlt Phnom Penh in etwa so viele Einwohner wie Muenchen, aber hier ist irgendwie alles dichter gedraengt, naeher beieinander, aufeinander und durcheinander. Hinzu kommen die zwei Faktoren Optik und Geruch. Sowohl den Augen als auch der Nase bieten sich hier bisweilen ungekannte Reize - positive wie negative.

Zu den positiven zaehlen meines Erachtens die unfassbare Gelassenheit, mit denen die Menschen hier ihren Alltagsgeschaeften nachgehen. Egal wie chaotisch es um sie herum grad zu geht, sie bleiben ruhig und machen einfach ihr Ding - OK, in gewisser Weise tragen sie damit ueberwiegend zum Fortbestand des Chaos bei... Der Verkehr ist da ein gutes Beispiel: Da ist erlaubt, was gefaellt. Verkehrsregeln? Bestenfalls grobe Richtlinien... Ein weiterer Augenschmaus sind die zahlreichen Kolonialbauten, die die Franzosen der Stadt beschert haben. Dazu zaehlen beispielsweise der Bahnhof und die Nationalbibliothek. Schade ist aber, dass viele der zu ihrer Zeit vermutlich wirklich beeindruckend schoenen Gebaeude dem Verfall ueberlassen werden. Aber irgendwo kann man's auch verstehen: Wen interessiert schon, wie die Haeuser aussehen, wenn man fast nix zum Beissen hat?

Zu den negativen Reizen zaehlt der Muell. Der wird hier bevorzugt entsorgt, wo er gerade anfaellt. Gut, das ist in Suedostasien ja an sich nix besonderes. Was ich so in der Form allerdings noch nicht gesehen habe ist, dass dieser Muell (und ich nehme mal an auch der gesamte restliche Hausmuell, der in Phnom Penh anfaellt) mitten in der Stadt an manchen Kreuzungen auf kleinen "Deponien" gesammelt wird, und dort offenbar seinem Schicksal ueberlassen wird. Dieses besteht vermutlich zu gleichen Teilen aus Verwesung, Ratten und dem Wind, der den Muell neuerlich im Stadtgebiet verteilt. Dazu ein Gestank, der selbst dem olfaktorisch Suedostasien-akklimatisierten Nase-Magen-Gespann massiv zu schaffen macht. Wer sich mal eine Nase "Phnom Penh-Luft" genehmigen will, der stelle im Hochsommer eine Bio- und eine Restmuell-Tonne einen Tag lang in die Sonne und atme am Abend tief ueber den geoeffneten Tonnen ein. Mahlzeit! Kotzen gilt nicht. Die Position des naechsten Muellhaufens ist uebrigens ein Umstand, der neben der Ermittlung der Windrichtung unbedingt bei der Auswahl des Lokals fuer Mittag- oder Abendessen beruecksichtigt werden sollte!

Tagsueber fuehl ich mich hier eigentlich ganz gut aufgehoben (sofern ich das jetzt nach einem Tag beurteilen kann), und abgesehen von den unumgaenglichen "Hello Sir! Want tuk-tuk?"-Rufen der Fahrer lauert hier an sich wenig Ungemach. Anders sieht das bei nacht aus, prinzipiell ab Einbruch der Dunkelheit. Obwohl mein Lonely Planet meint, dass Phnom Penh an sich eine recht sichere Stadt sei, empfinde ich das hier vor Ort ein bisschen anders. OK, der Lonely Planet nennt auch ein paar Viertel, in denen man sich speziell nachts nicht blicken lassen sollte, und gibt zu, dass es bis heute vereinzelt zu naechtlichen Ueberfaellen auf Touristen kommt. Alles Dinge, die dazu beitragen, dass ich mich nicht unbedingt nachts alleine rumtreibe. Als ich heute nachmittag im Cafe sass hab ich draussen zum ersten Mal in meinem Leben reale Schuesse gehoert - keine Ahnung was da los war. Aber trotz massiver Kampagnen zur Abruestung in der kambodschanischen Bevoelkerung (u.a. ein Programm der Europaeischen Union) sind noch Unmengen an Schusswaffen und sonstiger Munition in Privatbesitz. Und wenn dann zwei betrunkene Khmers aneinander geraten, dann hat auf einmal einer eine Waffe in der Hand und der andere ein Loch im Bauch. Passiert hier wohl taeglich. Und so sind eben auch naechtliche bewaffnete Ueberfaelle auf Touris keine Seltenheit, was den Aufenthalt hier nicht gerade bereichert...

Mit Waffen in Kambodscha hab ich mich uebrigens auch vorgestern an meinem letzten Tag in Siem Reap beschaeftigt. Da war ich naemlich im Landminen-Museum. Zugegeben, ich hatte mir das etwas anders vorgestellt, aber Minen in Glasvitrinen und klimatisierte Ausstellungsraeume haetten vermutlich nicht die Eindringlichkeit besessen wie der Bretterverschlag, in dem auf ein paar Holzplanken und auf dem Sandboden (entschaerfte, aber echte!) Minen rumliegen. Das Museum wird von Aki Ra gefuehrt, einem kambodschanischen Minensucher, der hier auch Kindern und Jugendlichen ein Zuhause gegeben hat, die entweder ihre Eltern durch Minen verloren haben, oder deren Verwandschaft sich das Durchbringen eines durch Minen verstuemmelten (und somit nicht ausreichend arbeitsfaehigen - krass, aber Realitaet!) Kindes nicht leisten kann. Diese fuehren den Besucher dann durch die Ausstellung und koennen viel Interessantes zu den einzelnen ausgestellten Minentypen erzaehlen. Dazu koennen (und wollen) sie aber natuerlich ihre ganz persoenliche Geschichte erzaehlen. Hak beispielsweise, der mich rumgefuehrt hat, hat vor sechs Jahren im Alter von 8 mit seinen beiden Geschwistern auf einem als minenfrei geltenden Reisfeld gespielt, als eine Mine sowohl den Bruder als auch die Schwester in den Tod und Haks rechtes Bein abgerissen hat.

Was hab ich aus diesem Besuch mitgenommen? Nach allem was ich gesehen habe, und gelernt habe wie ausgefeilt Minen darauf ausgelegt und dafuer konstruiert sind, Schaden anzurichten, vor allem das Gefuehl, dass es wirklich beschaemend ist, wie krank der Mensch im Kopf sein kann! Schaetzungen gehen davon aus, dass alleine in Kambodscha noch 6 bis 7 Millionen Landminen vergraben sind. Wenigstens weiss man ungefaehr wo, naemlich vor allem im Grenzgebiet zu Thailand, wo sich die Khmer Rouge zuletzt verschanzt hatten. Dennoch sterben pro Tag 3 Menschen in Kambodscha an der Folgen von Landminen oder werden verstuemmelt. Im Jahr 2007...

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